In der Straße von Gibraltar
Von Tarifa nach Tanger und wieder zurück
09.09.2009
Hanne Landbeck
In der Meerenge von Gibraltar strecken Delfine fröhlich ihre Kindergesichter den Touristen zu. Grindwale heben in gebotener Entfernung Mäuler und Schwänze aus dem Meer, schwarz und stolz. Die Tiere lieben die Strömungen, die hier herrschen.
Auf der einen und der anderen Seite der Meerenge leben Arme und Reiche. Reich sind der König von Marokko und die erfolgreich Handel Treibenden, reich sind die Touristen. Auf der spanischen Seite steigen sie in einen Neopren-Anzug und auf ein Brett, ein Segel daran oder ein Drachen, der sie durch die Winde über die Wellen zieht. Arm sind die Klandestinen, die heimlich aus Afrika fliehen, weil sie dort keine Zukunft haben. Sie setzen sich in der Nacht auf unsichere Schiffe. Häufig kentern sie.
Tarifa: Am Ende der europäischen Welt
Tarifa wirkt auf den ersten Blick wie ein verwinkeltes, weißes Städtchen, ein idealer Urlaubsort. An den Rändern franst es aus, manche Häuser stehen leer. Kommunistische Parolen sind an die Wände geschmiert. Die „Punta de Tarifa“ bildet die Speerspitze Europas. Eine Eisentür verhindert den Zugang. „Zona militar“ lautet der lapidare Hinweis darauf, dass Tarifa nicht nur ein Touristenparadies ist.
Überfahrt nach Marokko
Für Europäer genügt ein Personalausweis, um zur anderen Seite zu gelangen. Tarifa-Tanger und zurück wird für 99 Euro inklusive Stadtführung und Mittagessen angeboten, 35 Minuten hin, 35 Minuten zurück. Abfahrt elf Uhr in Tarifa, Ankunft halb zehn in Tanger (Stand: September 2009).
Die Fähre mit dem roten Bug befreit sich im Rückwärtsgang von Objekten, die an den Schiffsschrauben kleben. Die Gischt kommt von den Wellen, die der Rückwärtsgang produziert, sie glitzert wie die Augen Schwarzer in der Nacht. Die Teile an den Schiffsschrauben könnten menschliche Überreste sein. Man rechnet mit mehr als 2.000 Toten pro Jahr.
Marokko – ein Land mit anderer Zeit und Gerüchen
In Marokko herrscht eine andere Zeit. Zwei Stunden früher als auf dem spanischen Festland ist es, der Geruch ist intensiver, die Luft voller und wärmer. Dabei ist Europa doch nur 14 Kilometer entfernt.
Im Hafen von Tanger grüßt ein Schild mit arabischer Schrift und auf Französisch:„Bienvenue dans votre pays“: Willkommen in Ihrem Land. Los geht die Fahrt, vorbei am modernen Teil von Tanger, der viertgrößten Stadt Marokkos. Der Bus windet sich den Berg hoch, im französischen Viertel demonstriert das „Café de Paris“ Weltläufigkeit, Zeitung lesend sitzen Männer auf der Terrasse. Das spanische Viertel mit dem Kulturinstitut gibt sich zugeknöpft. Der Blick fällt in sorgsam gepflegte Parks, die Palmen wirken frisch geputzt wie der Rasen, Wächter stehen vor hellen Eingangstoren. Orangenbäume lugen über die Mauer des Königspalastes, Ordnung, Sauberkeit und ein Hauch von 1001 Nacht. Jasminduft dringt in den Bus. Schließlich gibt es die erste Rast. Händler bieten Metallarmreife, Ringe und kleine Kamele aus Leder.
Der hellblaue Atlantik sieht aus wie ein Marshmellow mit Schaumkrone. Zwei Männer genießen stumm die Sicht auf Europa. Frauen huschen durch die Gassen, ihr Blick ist nach unten gerichtet, Mädchen hüpfen an ihren Händen. Wenn sie den Kopf heben, lächeln sie. Katzen gehören zum Stadtbild wie die holprigen Stufen und die engen Friseurgeschäfte. Bordüren aus Gold und Damast liegen in den Auslagen der Stoffgeschäfte. Kartoffeln, Gemüse, Kräuter, Orangen, Limonen und andere Obstsorten stapeln sich vor den Füßen der Touristen – es scheint kein Mangel zu herrschen. Die orientalische Welt spielt ihre Melodie von 1001 Nacht perfekt. Knaben und Männer zupfen und zerren an den Kleidern der Touristen. Sie überfallen die Fremden wie ein Insektenschwarm.
Restaurant à la Ali Baba
Niedrige Tische und weiche Kissen warten auf die Touristen im Restaurant. Nach einer säuerlichen Suppe werden zwei Riesenspieße aus Hackfleisch serviert, die scharfe Würze löffelt der Mann mit den weiten Hosen gesondert auf den Teller. Zither, Gitarre und Flöte spielen auf, arabische Atmosphäre durchzieht den Raum. Couscous mit Hühnchen, Kraut und Möhren folgen, zum Abschluss eine kleine süße Klebrigkeit. Zwei Jasminblüten zieren den Nana-Minztee.
Die Welt von 1001 Nacht als Souvenir
Ein arabisches Kaufhaus im Kostüm einer Wunderhöhle hat seine Türen weit geöffnet. Lapislazuli-Ohrringe, Korallenketten in den Vitrinen und Silberdöschen glitzern mit ihren Reizen. Vier Treppen geht es hoch, vorbei an den kleinen Waren, hin zu den großen, die uns das Fliegen beigebracht haben: den Teppichen. Mit der Geräuschlosigkeit von Eidechsen rollen die jungen Männer die geknüpften Kostbarkeiten vor die Augen der staunenden Menge.
Die Teppiche wirken, als habe man die gesamte Pracht des Orients in sie hineingewebt. Ihre Knoten künden von der Gelassenheit der Wohlhabenden, von der Kraft der Zeit, als man noch Zeit für einander hatte. Sie suchen die Zukunft bei uns, wir die Vergangenheit bei ihnen. Der freundliche Ozean in einem einzigen Teppich, der Raum erhaben wie eine Kirche, ahnungsvolle Geheimnisse im geflüsterten Wort – das möchte, das muss mitgenommen werden.
In einer Art Apotheke, der nächsten Einkaufsstation, doziert ein schlanker Mann im weißen Kittel über den Geschmack von Safran, die Heilkraft eines Kümmels, den man reiben und inhalieren muss, um Atemwegserkrankungen zu bekämpfen, über ein Wundermittel gegen Falten und ein marokkanisches Viagra. Seifen, Cremes, Parfums und Gewürze ziehen an Augen und Nasen vorbei und wer noch nicht berauscht war, wird es jetzt. Bizarr kontrastiert das fast klinische Ambiente zu dieser Offenbarung.
Ende eines langen Tages
Auf der Rückfahrt sind alle erschöpft, sie befingern ihre Waren, holen die lederne Geldbörse, den Spiegel, die Kaftane, Gewürze und den Fez aus der Tasche, riechen daran, befühlen den Stoff und prüfen das Material. Sind sie nun übers Ohr gehauen worden oder nicht? Der Franzose reckt seine Nase in die Höhe und weiß, dass er ein gutes Geschäft gemacht hat. Andere haben diese Sicherheit nicht.
Das Meer ist immer noch ruhig. Die kleinen Fischerboote holen ihre Netze ein, vorne liegt Europa. Auch das hat hohe Berge. In Tarifa grüßt kein freundliches Schild, aufrecht steht der schlanke Turm an der Spitze des Horns, als recke er einen Zeigefinger, der schon mal vorwarnt, dass es auch da kein Zuckerschlecken ist, hier in der Alten Welt.
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