Inside Passage: 15 Stunden atemberaubende NaturDie Fährpassage im Nordwesten Kanadas ist jedoch keine Luxus-Reise
Die Inside Passage ist eine der berühmtesten Schiffsreisen. Wer an Bord einer der BC Ferries geht, erlebt herrliche Eindrücke, sollte aber auch ein Buch dabeihaben.
Noch betten die meisten Bewohner des verschlafenen Fischerdorfes Port Hardy ihr Haupt aufs Kissen. Auch die Natur rund um das Fähr-Terminal schlummert noch. Stille und Dämmerlicht begleiten derweil die Passagiere des umfunktionierten, weißen Schulbusses auf ihrem Weg ins Abenteuer „Inside Passage". Viertel vor sieben am Morgen - da ist selbst die Sonne noch nicht hinterm Horizont hervorgekrochen. Grelle Lichtstrahler ersetzen deshalb um diese Jahreszeit, es ist Mitte Mai und die Fähr-Saison hat gerade erst begonnen, noch ihren natürlich hellen Schein. Im Hafen von Port Hardy, dem nördlichsten Fähr-Ort auf Vancouver Island, ist das Leben zu dieser frühen Stunde indes bereits voll erwacht. Auto-Abgase mischen sich im Lichtkegel der hohen Laternen mit dem Morgennebel. Drei lange Warteschlangen haben sich vor der Auffahrt zur Fähre geformt. Fahrer und Fahrzeuge wollen sich von hier aus auf den Weg gen Norden machen, mitten durch die Fjordwelt vor Kanadas Westküste. Eine Straße gibt es nicht. Inside Passage: Von Port Hardy nach Prince RupertPrince Rupert, kurz vor dem US-Bundesstaat Alaska, ist das Ziel, von wo aus es für die meisten Reisenden landeinwärts weiter durch Kanadas westlichste Provinz British Columbia (B.C.) geht. Oder, am nächsten Tag, mit der nächsten Fähre hinüber auf die Queen Charlotte Islands. Das hängt ganz davon ab, ob man schon im Urlaub ist oder nur auf der Durchreise. Auto um Auto rollt in den Bauch der Fähre. Fußpassagiere dürfen das Schiff, eines von 35 in der Flotte der B.C. Ferries, schon vorher entern. Um 7.30 Uhr legt die „Queen of the North" dann pünktlich ab - ganz gemächlich und genauso leise wie die sie umgebende reizvolle Natur noch daliegt. Fast bekommt man den Start zur „Inside Passage", einer der landschaftlich reizvollsten Schiffsreisen der Welt, gar nicht mit, so ruhig kommt der Motor der Fähre auf Touren. Die „Königin des Nordens" wurde 1969 in Flensburg gebaut und bietet nach umfangreicher Renovierung im Jahr 2001 jetzt 115 Fahrzeugen und 700 Menschen Platz. 15 600 PS treiben die Schiffsschrauben an und auch die 125 Meter Länge machen das weiß-blaue Schiff zu einem durchaus imposanten Vehikel. Schiffskabinen so klein wie eine Zelle im KnastWer unterwegs ein Nickerchen machen möchte, der hat sich eine der Schiffskabinen gemietet. Schließlich dauert die Passage insgesamt 15 Stunden. Die winzigen Räume an Bord erinnern jedoch eher an Gefängniszellen denn an Kabinen der Marke „Traumschiff". Ein schmales Etagenbett auf der einen Seite, ein Tischchen gegenüber und eine Mini-Naßzelle für das Nötigste. Kaum Platz zum Umdrehen. Fast wie ein Sarg. Naja, ist ja schließlich auch eine Fähr- und keine Luxus-Kreuzfahrt. Klaustrophobie darf der Passagier jedenfalls nicht haben, wenn er vorhat, auch die Nacht an Bord zu verbringen. Das ist für eine Handvoll Dollar mehr möglich, bei akuter Platzangst jedoch ein schier undenkbares Unterfangen. Lange Schlangen vor Toast und RühreiGleich nach dem Ablegen setzt der Sturm aufs Frühstücksbüfett ein. Man ist ja schließlich zeitig aus den Federn gefallen und jetzt ist der Hunger mindestens ebenso stark wie der Fähr-Motor. Und während sich in der Cafeteria lange Schlangen bei Rührei, Toast und Kaffee bilden, gleitet draußen das dichbewaldete Nordende von Vancouver Island vorbei. Der sonst um diese Jahreszeit so häufige Regen hat eine Pause eingelegt, und so läßt sich die Wartezeit aufs Breakfast zum Glück auch an Deck und in frischer Pazifik-Luft überbrücken. 15 Stunden auf See - eine verdammt harte Geduldsprobe, wenn das Wetter nicht mitspielen würde. Zwar gibt es an Bord allerlei Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, doch irgendwann sind die beiden kostenlos angebotenen Videofilme auch einmal zu Ende. Der Gang in den Souvenirshop wird bald überflüssig, denn das Angebot ändert sich während der Fahrt ja nicht. Und immer nur essen, wer kann das schon? So ist es gut, dass es beim Pendeln zwischen Cafeteria und Bord-Restaurant immer auch die Ausweichmöglichkeit auf eines der Decks gibt. Einzige Abwechslung: Orcas und KreuzfahrtschiffeDünnbesiedelt ist die Gegend im Nordwesten Kanadas. Der Blick nach Steuerbord und Backbord zum Ufer, nur etwa 200 Meter entfernt, verrät, wie wild und hart das Leben hier sein muss. Schroffe Felsen, dichter Baumbestand, ab und zu eine Siedlung - außer purer Natur gibt es nicht viel zu sehen. Dafür umso mehr zu bestaunen, denn atemberaubend schön ist die Landschaft links und rechts der „Königin des Nordens" allemal. Einen Haken hat der Anblick allerdings: Er verändert sich während der 15-stündigen Reise so gut wie gar nicht. Umso dankbarer stürzen die Passagiere immer dann an Deck, wenn der Kapitän einen oder gleich mehrere Wale ankündigt. Und tatsächlich: Vorn rechts eine Gruppe Orcas. Majestätisch zeichnen sich in der Ferne die schwarzen Rückenflossen der „Killerwale" ab. Eine willkommene Abwechslung auf der längst monoton gewordenen Reise. So, wie auch die großen Kreuzfahrtschiffe, die immer mal wieder zu bestaunen sind. Auch die gewaltigen Luxusliner nehmen auf ihrem Weg von San Francisco nach Alaska oder zurück die Route der „Inside Passage". Und sind schnell ein ebenso beliebtes Fotomotiv wie die Orcas. Inside Passage: 274 nautische Meilen und vielleicht ein paar BärenVon Mitte Mai bis Ende September pendelt die „Queen of the North" täglich zwischen Port Hardy und Prince Rupert. 274 nautische Meilen beträgt die Distanz. Wer sich von Victoria aus auf den Weg zur „Inside Passage" nach Port Hardy macht, der muss für den Weg zur Fähre einen ganzen Tag einplanen. 500 Kilometer sind es vom Süden Vancouver Islands bis ans Nordende. Wer Glück hat, der wird für die lange Autofahrt mit einem Blick auf freilebende Schwarzbären entschädigt, die sich manchmal bis an den Straßenrand vortrauen. Pünktlich um 22.30 Uhr läuft die „Queen of the North" im Hafen von Prince Rupert ein. Ruhig und gemächlich - so, wie während der gesamten Passage. Im Hafen herrscht noch rege Betriebsamkeit, doch in den Häusern ringsum schlummern die Menschen schon. Eine Szenerie identisch der Abfahrt am Morgen. Die meisten Reisenden verlassen hier das Schiff - so, wie es eigentlich auch gedacht ist. Wie gesagt: Fähre und kein Edel-Dampfer.
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